Wissenslandkarte mit KI: Was Googles Open Knowledge Format (OKF) möglich macht

Company Brain & WissenStand Oktober 20267 Min. LesezeitStefan Zipperer
Titelgrafik Wissenslandkarte: links die Frage „Wo sind Ihre blinden Flecken?“ und „Wissenslandkarte mit KI und offenem OKF-Format“, rechts ein Netz aus verbundenen Wissenspunkten auf Navy-Blueprint mit einer gestrichelten gelben Lücke, beschriftet „Blinder Fleck“.
Kurz gesagt

Eine Wissenslandkarte zeigt, welches Wissen es in einem Unternehmen gibt und wo es liegt. Lange war sie ein Workshop-Ergebnis, das nach wenigen Monaten veraltet war. Mit KI und dem Open Knowledge Format (OKF), das Google Cloud 2026 vorgestellt hat, kann sie lebendig werden: Jeder Wissenseintrag wird zu einer „einfachen“ Textdatei mit Steckbrief, die Menschen und KI lesen können. Was OKF bewusst offen lässt, ist die Frage, welches Wissen wirklich zählt und welches fehlt.

Zusammenfassung zum Hören5:02

KI-generierte Audiofassung, redaktionell geprüft. Maßgeblich ist der Text.

Vielleicht hängt sie bei Ihnen noch irgendwo: die Wissenslandkarte aus dem letzten Strategie-Workshop. Bunte Kreise für die Abteilungen, Pfeile dazwischen. Danach wurde sie als PDF abgelegt, und ein halbes Jahr später stimmte die Hälfte nicht mehr.

Für mich ist das technische Pendant das alte Intranet, manchmal ein SharePoint. Ja, braucht man, aber … mein Gott, ist das langweilig, dort irgendwas zu suchen.

Zurück zum Thema: Eine Wissenslandkarte zeigt, welches Wissen es in einem Unternehmen gibt und wo es liegt. Mit KI und dem Open Knowledge Format (OKF), das Google Cloud 2026 vorgestellt hat, kann sie lebendig werden. Jeder Wissenseintrag wird zu einer einfachen Textdatei, die Menschen und KI gleichermaßen lesen können. Eine Frage beantwortet der Standard allerdings bewusst nicht: welches Wissen fehlt. Und eine gute Karte zeigt auch die weißen Flecken.

Das wird in diesem Artikel ein wenig technischer, aber es lohnt sich, das zu verstehen. Warum? Kurze Antwort: Weil man KI damit auf Lightspeed bringt.

Was ist eine Wissenslandkarte?

Eine Wissenslandkarte ist eine (grafische) Übersicht über das Wissen eines Unternehmens. Sie beantwortet Fragen wie: Wer kennt sich mit unseren Reklamationen aus? Wo steht, welche Rabatte wir Großkunden geben dürfen? Im klassischen Wissensmanagement gibt es dafür verschiedene Formen, etwa Karten der Wissensträger (wer weiß was) oder Karten der Wissensquellen (wo steht was).

Ein einfaches Beispiel: Ein Maschinenbauer zeichnet seine Bereiche als Inseln. Auf der Insel „Service“ liegen die Reparaturanleitungen und die Nummer des Kollegen, der jede alte Anlage kennt. Eine Brücke führt zur Insel „Vertrieb“, weil dort die Wartungsverträge entstehen. Wer neu ist, versteht auf einen Blick, wie das Unternehmen tickt.

Warum veralten Wissenslandkarten so schnell?

Weil Pflege Arbeit ist und niemand sie im Kalender hat. Und, sind wir ehrlich, wer kennt jemanden, der gerne was in Handbücher, SOPs, Wikis, Intranets etc. schreibt? Das Wissen ändert sich laufend, die Karte bleibt stehen. Dazu kommt, dass die eigentliche Information selten in der Karte steckt. Sie liegt in Dokumenten und in Köpfen, und die Karte zeigt nur grob die Richtung.

Was das kostet, hat das McKinsey Global Institute schon 2012 beziffert: Wissensarbeiter verbringen rund 19 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, Informationen zu suchen und zusammenzutragen. Mit KI ändert sich die Lage. Eine KI wird beim Pflegen nicht müde. Damit sie das kann, braucht das Wissen aber eine Form, die sie zuverlässig lesen kann. Hier setzt OKF an.

Was ist das Open Knowledge Format (OKF)?

Das Open Knowledge Format ist eine offene Spezifikation, die Google im Juni 2026 als Version 0.1 veröffentlicht hat. Die Idee ist bewusst schlicht. Wissen liegt als Sammlung von Textdateien im Markdown-Format vor, einer einfachen Textauszeichnung, die jedes Schreibprogramm öffnen kann. Jede Datei beschreibt einen Wissensbaustein und beginnt mit einem kurzen Steckbrief, den Fachleute Frontmatter nennen. Pflicht ist dort nur ein einziges Feld: der Typ. Verweisen Dateien aufeinander, wird aus vielen Einzeldateien ein Netz.

Dafür braucht es weder eine eigene Software noch einen bestimmten Anbieter. Google begründet das so: Was fehle, sei kein weiterer Dienst, sondern ein Format. Die Dateien lassen sich in jedem Ordner ablegen und an jede KI übergeben.

Zur Einordnung: OKF ist eine junge Spezifikation mit der Versionsnummer 0.x, kein ISO-Standard. Mit der Open Knowledge Foundation, die dasselbe Kürzel nutzt, hat es nichts zu tun.

Wie sieht ein Wissenseintrag im OKF-Format aus?

So könnte ein Eintrag aus dem Kundenservice aussehen:

---
type: Prozess
title: Reklamation annehmen
description: So nehmen wir eine Kundenreklamation auf und leiten sie weiter.
generated: { by: "Teamleitung Service", at: 2026-09-15 }
verified:
  - { by: "Qualitätsmanagement", at: 2026-09-18 }
sources:
  - { title: "Servicehandbuch, Kapitel 4" }
stale_after: 2027-03-18
status: stable
---
Reklamationen über 500 € gehen an die [Teamleitung](/organisation/teamleitung-service.md).

Was die Felder bedeuten:

Feld

Beantwortet die Frage

type

Was für Wissen ist das? Hier: ein Prozess.

title, description

Worum geht es?

generated

Wer hat den Eintrag erstellt, und wann?

verified

Wer hat ihn geprüft, und wann?

sources

Woher stammt das Wissen?

stale_after

Bis wann gilt er ohne erneute Prüfung?

status

Ist er Entwurf, gültig oder abgelöst?

Der Link zur Teamleitung im Text verbindet diesen Eintrag mit einem anderen. Aus vielen solchen Verbindungen entsteht die Landkarte.

Was ist neu in OKF 0.2?

Ende Juli 2026 hat Google Version 0.2 nachgelegt. Sie bringt Felder, mit denen sich Vertrauen ausdrücken lässt. Woraus ist der Eintrag entstanden? Wer oder was hat ihn erzeugt, und hat ihn danach jemand geprüft? Bis wann ist er gültig? Ist er die aktuelle Fassung? Genau diese Felder haben Sie im Beispiel oben gesehen. Dazu kommt ein eigener Typ für freigegebene Berechnungen, der vor allem Datenteams interessiert. Die Änderungen sind abwärtskompatibel, Dateien aus Version 0.1 funktionieren weiter.

Lebenslauf eines Wissenseintrags im Open Knowledge Format (OKF) 0.2: Quelle (sources), erstellt (generated), von einem Menschen geprüft (verified), gültig mit Status stable bis zu einem Datum, danach erneut prüfen (stale_after).
Quelle: eigene Darstellung

Übersetzt heißt das: Google hat aufgeschrieben, was gutes Firmenwissen braucht. Herkunft, Prüfung, Ablaufdatum und Status. Für jedes Qualitätsmanagement ist das keine neue Erkenntnis. Neu ist, dass es jetzt in einer Form steht, die jede KI versteht.

Warum ist ein offenes Format für KI so wichtig?

Zum einen bekommt die KI ausgewähltes, geprüftes Wissen. Sie muss sich nicht bei jeder Frage aus einem Berg von Dokumenten etwas zusammensuchen. Andrej Karpathy, einer der schlauesten Köpfe in der KI-Entwicklung, hat diese Idee im April 2026 als „LLM-Wiki“ beschrieben: Eine KI pflegt eine Sammlung verknüpfter Textseiten, statt immer wieder von vorn zu suchen. Sein Argument ist so einfach wie einleuchtend. Eine KI wird nicht müde und vergisst keinen Querverweis. OKF macht aus diesem Muster ein Format, das zwischen Systemen funktioniert.

Zum anderen gehört Ihr Wissen Ihnen/der Firma. KI-Modelle wechseln, Werkzeuge auch. Liegt das Wissen in einem offenen Format, nehmen Sie es mit. Beim Handbuch lautete die Frage, ob es endlich jemand liest. Bei der Wissenslandkarte lautet sie, ob sie jemand pflegt. Die Antwort kann zum ersten Mal heißen: die KI, unter der Aufsicht eines Menschen.

KI-Wissensmanagement mit offenem Format: Austauschbare KI-Modelle und Werkzeuge (heute, morgen, später) greifen auf dasselbe Firmenwissen zu, das im Open Knowledge Format (OKF) als Markdown-Dateien im eigenen Ordner liegt.
Quelle: eigene Darstellung

Was beantwortet OKF nicht?

OKF speichert, es bewertet nicht. Das ist Absicht. In der Ankündigung zu Version 0.2 schreibt Google sinngemäß: Das Format hält Signale fest, keine Bewertung. Eine Bewertung sei subjektiv und veraltet, sobald sie geschrieben ist. Jedes Programm, das die Dateien liest, soll sich sein eigenes Urteil bilden.

Für ein Unternehmen bleiben damit zwei Fragen offen. Welches Wissen trägt wirklich, und welches liegt nur am Rand? Und was fehlt?

Die zweite Frage ist die unbequemere. Eine Landkarte ohne weiße Flecken ist keine ehrliche Karte. Blinde Flecken im Firmenwissen zeigen sich auf zwei Arten:

  • als Wissen, das es geben müsste, aber nirgends gibt,
  • und als Fragen, die Mitarbeitende immer wieder stellen, ohne eine geprüfte Antwort zu finden.

Beides steht in keiner einzelnen Datei. Man sieht es erst, wenn man auf das Ganze schaut.

Was steckt bei uns hinter dem Standard?

Wechseln wir nun vom technischen Konzept, wie Wissen strukturiert sein könnte, zu einer Lösung, an der wir arbeiten.

Wir bauen ein Company Brain auf OKF-Basis. Jeder Wissenspunkt wird standardkonform gespeichert, mit allen Feldern, die Sie oben gesehen haben. Und dann geht es weiter. OKF erlaubt ausdrücklich eigene Zusatzfelder, und jedes Programm, das OKF liest, muss sie erhalten. Genau dort setzen wir an.

So sieht derselbe Eintrag bei uns aus:

---
type: Prozess
title: Reklamation annehmen
  …
status: stable
# ── HorAIzon-Erweiterung · Closed Beta ──────────
: 
: 
: 
: 
  …
---
Erweiterte Felder, nicht öffentlich.

Was in diesen Zeilen steht, ist unsere Arbeit der letzten Monate. Es macht aus einem gut beschriebenen Eintrag einen Punkt auf einer Landkarte.

Im Standard ist ein Link einfach ein Link. Welche Art von Beziehung er ausdrückt, steht nur im Fließtext. Unsere Engine liest die Zusatzfelder und die Verbindungen aller Einträge. Sie verbindet die Wissenspunkte zu einer Landkarte und zeigt, wo Verbindungen oder ganze Einträge fehlen. Wie genau, zeigen wir lieber im Gespräch als im Blog.

Unser Produktangebot zum Aufbau von Company Brains ist noch in der Closed Beta. Ein Founders Team treibt es voran, über das Team erzählen wir bald mehr. Mehr zur Idee dahinter lesen Sie im Beitrag über das Company Brain.

Ich habe in meinem Berufsleben viele Wissenslandkarten an Whiteboards entstehen sehen. Die meisten waren leider zu schnell vergessen und im Daily Business einfach nicht operativ genug. Mit einem offenen Format und einer KI, die mitpflegt, kann daraus zum ersten Mal ein Werkzeug werden, das mit dem Unternehmen wächst. Wenn Sie sehen möchten, wie Ihre Wissenslandkarte aussehen könnte, oder sich für die Closed Beta interessieren, sprechen Sie mich gern an.

Tragen Sie sich in die Whitelist ein, wenn Sie zu den Ersten gehören wollen, mit denen wir über ein Company-Brain-Produkt sprechen.

Häufige Fragen

Quellen & Transparenz
  1. Google Cloud Blog: How the Open Knowledge Format can improve data sharing (OKF v0.1, Juni 2026)
  2. Google Cloud Blog: OKF v0.2 adds trust signals (Juli 2026)
  3. GitHub: Open Knowledge Format, Spezifikation (GoogleCloudPlatform/knowledge-catalog)
  4. Andrej Karpathy: LLM Wiki (GitHub Gist, April 2026)
  5. McKinsey Global Institute: „The social economy“, Juli 2012 (19 % der Arbeitszeit für Suchen und Zusammentragen von Informationen)

Transparenz: Stefan Zipperer, Gründer HorAIzon verantwortet Inhalt und Einordnung. Stand: Oktober 2026. Recherche und Quellenprüfung mit KI-Unterstützung. Entwurf mit KI-Unterstützung, redigiert und verantwortet vom Autor. Details in der KI-Transparenz. HorAIzon berät zu den beschriebenen Themen; Beiträge sind keine Rechts- oder Steuerberatung.

Stefan Zipperer

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